Chillen in Bad Birnbach


Der traditionsreiche bayrische Kurort steckt in der Klemme. Denn während Tante Gerda und Oma Lotti weiterhin „auf Kur“ fahren wollen, giert es die Generation Spaß nach hippen, trendigen Wellnessoasen. Die Senioren reisen nach Bayern um sich in gediegener Atmosphäre zu erholen, die jungen Wilden wollen einfach nur relaxed abhängen und cool chillen und das nach Möglichkeit High Standard. Da kommt so eine hübsche zwanzigjährige Empfangsdame schon mal ins Schwitzen wenn sie einem jungen Paar die Vorteile des Bad Birnbacher VIP-Badebusses erklären muss, dabei verlegen an ihrem „Herzlich-Willkommen-in-Bayern-Dirndl“ zupft und von der ersten Sekunde an weiß, dass dem jungen Paar der Badebus mal in etwa so egal ist wie die Rübenernte in Tadschikistan. Doch egal, sie trotzt aller peinlicher Berührung und führt die Neuankömmlinge selbstbewusst durch die traditionsreiche, aber wunderschöne Hotelanlage. In der Poollandschaft angekommen, kehrt ihr Hotelfachfrauenstolz wieder vollends zurück, denn sie spürt, das eben noch müde lächelnde junge Paar ist hellauf begeistert von dem was es hier sieht. Und sie irrt nicht. War die Empfangshalle eben noch der raumgewordene Inbegriff bayrischer Seniorenträume, so ist die Badelandschaft nun das Mekka der entspannungsgeilen feng-shui-verwöhnten Youngsters und mit jedem neuen Raum, den die Dirndlfee präsentiert, steigt die Erwartung des jungen Paares an das bevorstehende „Luxus-Verwöhn-Wochenende“. Und es wird nicht enttäuscht. Schon beim Beziehen des Zimmers, das nächste Highlight. Galeriewohnung, zwei Ebenen, ein kühl anmutendes Schlafzimmer, in welchem man sich perfekt von der bewusstseinserweiternden Wirkung des psychodelischen Blumenteppichs in der unteren Etage erholen kann. Ist ja auch mal ein super Service. Die Rentner fühlen sich bei soviel floralem Muster wie daheim und die Jungen sparen sich so die Drogen. Einfach toll!

Jetzt erstmal raus auf den Balkon und Panorama genießen, man ist ja nicht zum Spaß hier! So ein Panoramablick aufs bayrische Niemandsland hat schon was, das lässt sich nicht abstreiten. Man sitzt da, genießt die beruhigende Stille, lässt die Augen den Horizont entlang wandern und fühlt sich sofort erholter. So lange bis man in den vorüberziehenden Schäfchenwolken unfreiwillig wieder die LSD-Blumen aus dem Teppich erkennt und deshalb beschließt gleich mal den Saunabereich zu checken. Die beiden Urlauber werfen sich also die kuscheligsten Hotelbademantel der Welt über (die man im Übrigen dann gerne gegen die geringe Gebühr von 69 € erwerben könnte…ähem…) und machen sich auf den Weg in den Wellnessbereich. Farblicht-Biosauna, Aroma-Dampfbad, finnische Außensauna, Solegrotte, Ruheoase mit Meditationsmusik via Headphone, das ganze Programm, so wie es die Generation Anspruchsvoll sich erträumt. Gut, Gerda und Lotti sind auch da und präsentieren freizügig ihre Orangenhaut mit ganzen Früchten, aber da darf man nicht so sein, immerhin sind wir nach wie vor eben in einem klassisch bayrischen Kurbad und da gehört Orangenhaut zur Tagesordnung. Apropos Orangen: Abendessen gibt es, den Senioren hier sei Dank, bereits ab 18 Uhr, also auf ins Restaurant und das erste von zwei Gourmetmenüs verkosten. Ein Ober mit unverkennbarem Bayerwaldakzent begleitet unser Luxus-Verwöhn-Pärchen an seinen Tisch, erklärt kurz das Menü und dabei fällt zum ersten Mal auf, wie übertrieben höflich und somit albern die ständige namentliche Anrede sein kann. „Bitte Herr Gast, danke Herr Gast, so ist das Herr Gast, aber danke Herr Gast, sehr gerne Herr Gast“. Hat wohl auch mit den ganzen Senioren zu tun, die vergessen immer alles ziemlich schnell und da schadet es sicher nicht, den eigenen Nachnamen immer wieder mal gesagt zu kriegen, schließlich muss man mit selbigem ja nachher die Rechnung abzeichnen. Überhaupt muss Hotelpersonal in so einem Kurort auch gut auf Altenpflege geschult sein, denn bei näherer Betrachtung serviert so ein Kellner oder eine Kellnerin nicht nur die Speisen, nein, ein kleines Pläuschchen mit Omma und Oppa muss schon ab und an drin sein. Geduld ist eine Tugend, die Hotelfach-Azubis und Azubinen in Niederbayern wahrlich perfektionieren, gut, bleibt ihnen auch nichts anderes übrig, wenn Oma Meier sich nach anderthalb Stunden immer noch nicht entscheiden kann ob sie ihre Limo jetzt lieber 0,2 l oder 0,3 l bestellen will. Unserem Urlauberpärchen fallen solche Entscheidungen weniger schwer, schließlich hat es ja das Rumdum-Sorglos-Paket gebucht und bereits auf dem Zimmer die erste Flasche Champagner gekippt. Champagner ist ja irgendwie eine ganz seltsame Angelegenheit. Er schmeckt niemanden und doch fühlt sich jeder gleich um Klassen eleganter wenn er welchen bekommt. Wobei die Eleganz dann auch dahin war, als unser Pärchen den edlen Schampuskühler zum Sammeltopf für eine Plastikflasche Punica, die Monsterbottle Martini und eine Dose Red Bull zweckentfremdet hat. Aber egal, wer braucht schon Eleganz wenn er nur zum chillen hier ist. Außerdem ist so eine eigens geschaffene Bar durchaus sinnvoll, man kann dadurch nämlich den Oldies trällernden Alleinunterhaltern in der Hotelbar entgehen. Stimmlich wirklich wundervoll stehen die zwei in besagter Bar und trällern einsam vor sich hin. Kein Publikum, offenbar ist der letzte Badebus noch nicht zurück oder aber Oma Meier weiß um 21 Uhr immer noch nicht wie sie ihre Limo jetzt gern hätte. Es muss traurig sein für so einen Musiker, Abend für Abend vor leerem Saal zu stehen und wenn dann doch jemand kommt, muss er immer „Strangers in the Night“ singen, weil nur bei diesem Song die Lotti sich traut ihrem Kurschatten ein zärtliches „Ich liebe Dich“ ins Ohr zu hauchen.

Unserem jungen Paar ist das egal, es macht es sich wie gesagt an der Punica-Red Bull-Bar gemütlich und erfreut sich am psychodelischen Zimmerteppich. Immerhin, morgen geht’s los, es stehen sagenhafte Verwöhntermine an. Super an so einer Seniorenresidenz ist, dass das Personal es gewohnt ist, vergessliche Gäste telefonisch an deren Termine zu erinnern. Denn auch unser junges Paar hat erstmal wieder alles verpennt was so an Relax-Action geboten war. Nichtsdestotrotz bleiben die Badefeen, Massagegöttinnen und Kosmetikfachfrauen stets freundlich und lassen trotz der terminlichen Nachlässigkeiten ihrer Gäste selbigen an nichts mangeln. Nicht an Verwöhnungen, und nicht an namentlicher Ansprache. „So Frau Gast, bitte hier lang Frau Gast, ist es so angenehm Frau Gast, aber gerne Frau Gast, …“ Herr und Frau Gast entschweben regelrecht unter karibischen Düften, straffenden Masken, entspannenden Massagen und kühlen Cocktails. Da ist es egal, wie alt oder jung man ist, körperliche Zuwendung hat in jedem Alter Hochsaison. Dermaßen erholt nimmt man dann auch ein weiteres lauwarmes Abendessen in Kauf, wobei man dem ganzen Luxus langsam schon überdrüssig werden könnte. „Och nee, schon wieder Champagner, hach, wie langweilig!“ Immerhin, das elegante Gefühl kehrt zurück und wird nur noch dadurch übertroffen, dass die Rechnung ganz standesgemäß immer dem Herrn am Tisch vorgelegt wird. Diesbezüglich hat in den bayrischen Kurorten also alles noch seine Ordnung 😉

Leider ist so ein Luxus-Verwöhn-Wochenende auch nicht länger als ein herkömmliches, egal wie sehr man sich an ganze Tage im Flauschibademantel gewöhnt hat. Man räumt das wunderschöne Galeriezimmer, wirft einen letzten wehmütigen Blick auf den „Keine-Macht-den-Drogen“-Teppich und steigt zum letzten Mal in den Fahrstuhl Richtung Pool, wo man dann von einem geschätzt hundertfünf Jahre alten Mann begrüßt wird, der sein hundertfünf Jahre altes Pimmelchen noch eben wieder in die Hose packt, nachdem er es sich mit selbigem vor einer Massagedüse im Bad gemütlich gemacht hatte und dabei vermutlich an gestern gedacht hat, als er die orangenhäutige Lotti zu „Strangers in the Night“ übers Parkett geschoben hatte. Tja, Opi, die jungen Wilden sind zurück, aber keine Angst, in ein paar Stunden müssen sie abreisen.

Ein letzter Cappuccino auf der Sonnenterrasse, ein letztes Mal Schwitzen im Aromadampfbad, ein letzter kalter Guß in der Felsengrotte, ein letztes Mal fummeln im Whirlpool und dann geht’s los. Wehmütig gibt unser Luxus-Verwöhn-Paar die flauschigen Bademäntel zurück und mit einem Tränchen im Auge begleicht es die Rechnung. Die Dirndlfee vom Anreisetag ist auch wieder da, allerdings diesmal in zuckersüßer Zimmermädchenuniform, so dass man sie am liebsten in einen der flauschigen Bademäntel packen möchte und mit nach Hause nehmen. Man bemängelt noch die Matratzen, weil schließlich reist man nirgends ab ohne eine kleine Beschwerde da zu lassen, und man wird sofort darauf hingewiesen dass die Zimmer demnächst alle renoviert werden. Schade, dann kommen wohl auch die bunten Blumenteppiche weg. Das ist nun ein Grund, warum das junge Paar hier wohl nicht mehr einkehren wird, VIP-Badebus hin oder her.

Fazit: Z’Bod Birnbach is schee. Senioren machen deutlich weniger Lärm als Kinder. Wasser ist nass und das ist auch gut so. Massagen können nie lang genug dauern. Und Champagner schmeckt scheiße.

In diesem Sinne, tut Euch was Gutes und gönnt Euch ‚ne Auszeit. Und verpasst ja den Badebus nicht!

Erholte Grüße

Eure Wellnesspraline

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6 Kommentare

  1. i will da hin 🙂
    wer lädt mich ein? brauch ne massage und ein rundum-verwöhnprogramm 😉

    BITTE!!!!!

  2. @ romy:
    Ich drück Dir die Daumen dass Du jemanden findest der mit Dir dahin fährt, war nämlich wirklich traumhaft!

    Nur allein anreisen und einen aufreißen is eher schlecht. Es sei denn Du stehst auf im Pool masturbierende Opis *lach*

    Bussi :-*

  3. Ich wünsch dir auch viel Glück, das du einen findest der dich dorthin einlädt.

  4. Also mit WELLNESS halte ich es ja so: CB (centro benessere = Wellnesscenter) ist irgendwann mal als Codewort zwischen mir und meinem Liebsten fuer ein Date bei mir zu Hause aufgekommen. Und ich kann das nur empfehlen.
    Du kannst ganz locker vom Buero aus telefonieren: „Du, wann war der Termin im Wellnesscenter?“ Die Kollegen kriegen da laengst nicht so spitze Ohren…
    Na und niemand kann abstreiten, dass Du nach dem Termin nicht herrlich entspannt bist. Die Massagen dauern immer so lange wie Du willst, und an den Champagner gewoehnst Du Dich schneller als Du glaubst…

  5. @ Detta:
    keine schlechte Idee! Und Du hast schon Recht, mit dem entsprechend lieben Liebsten kann jeder Tag entspannend sein. Nur gibts bei mir zuhause keine so flauschigen Bademäntel. Und keinen Pool, geschweige denn einen der blubbert. Und Champagner hab ich auch nicht. Nur Weißwein vom Lidl. Insofern war dieses Wochenende schon sehr fein!

    Liebe Grüße und viel Spaß bei Deinem nächsten Termin im Centro Benessere 🙂

    kp

  6. […] Also, jetzt mal ehrlich: will IRGENDJEMAND von Euch im teuer bezahlten Urlaub die Schneeschaufel schwingen? Also, ich ned. Von wegen „Wellnessurlaub in Bodenmais“, ja klar und dann drückt mir der blöde Hotelfutzi in aller Frühe die Schaufel in die Hand. In Bodenmais! Da ist es ja jetzt ned mit fünf Minuten Flockenkehren getan, das ist ja quasi das Winterwonderland, da sind 50 cm mal gar nix! Und was hilfts mir wenn ich dann tatsächlich die Glückliche Gewinnerin der sog. „Urlaubsbombe“ bin? Ich werde zu erschöpft sein, um sie überhaupt zu öffnen… und wenn ich es doch schaffe, dann ist da bestimmt nur ein Ticket für den Bodenmaiser Skibus drin oder sowas (Ihr erinnert Euch an den Bad Birnbacher Badebus?). […]


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