Die wilden 70er oder: Do legst Di nieder!


Eigentlich sollte das hier eine Geschichte über einen lustigen Ausflug ins niederbayrische Szene-Outback werden. Jetzt wird es eine übers niederbayrische Szene-Outback, über ein Pralinchen im Herrenklo und ihre heldenhaften Retter.

Wenn sich eine Diskothek über 30 Jahre hält, dann kann man ihr zu Recht Kult-Status zusprechen. Und ich muss zugeben, als ich mit meinen Mädels da gestern Abend gegen elf aufgelaufen bin, war ich auch sehr angetan. Kurios schon der Einlass. Da sitzen vier Abgesandte des Nichtraucherschutzes wie Beamte vor der Tür, ausgestattet mit Leitz-Ordnern, jeder Menge Formularen, Kulis und extrem wichtig anmutenden gelben Kärtchen und stellen Mitgliedsausweise aus. Aha, da drin wird also noch ganz old-school gequalmt, und entweder Du trittst dem Raucherclub bei oder aber „Du kummst hier net rein!“

Drinnen dann der 70er-Jahre-Overkill. Ein alter, baufälliger Laden, für den Dir heute wohl niemand mehr eine Genehmigung zum Diskothekenbetrieb erteilen würde, fröhlich aufgepeppt durch schlecht bemalte Wände auf denen sich 70er-Jahre Musik-Ikonen tummeln. Aber man hat irgendwie gleich das Gefühl, zuhause zu sein. Die Musik ist der Hammer, und mit einem Plätzchen an der Bar scheint es ein echt witziger Abend zu werden. Nachdem ja auch gerade Bayerns zweitgrößtes Volksfest läuft, füllt sich der Laden ziemlich schnell und es ist eine Erfahrung für sich, zu beobachten wie hübsche Mädels im Dirndl zu den Klängen von Led Zeppelin oder Rammstein abgehen und besoffene Jungs in Lederhosen sich zu Boney M im Takt wiegen. Irgendwie fühlte ich mich an Ignaz und meine Bauarbeiter erinnert. Sehr geil anzusehen, ich hätte filmen sollen.

Leider bin ich dazu nicht mehr gekommen. Meine letzte Erinnerung ist die, dass ich meine Freundin gebeten habe, mir ein Wasser zu bestellen. Das nächste, was ich wieder weiß, ist dass ich auf der Treppe vor dem Notausgang sitze, meine Hände zittern, meine Beine zittern, und Papa Spass hält mit mir Händchen. Meine Haare sind klatschenass und ich frage ein verwirrtes „Wo bin ich?“ Der Klassiker unter den Aufwachfragen. Zwischen Wasser bestellen und auf der Treppe sitzen liegen geschätzte zehn Minuten, in denen Papa Spass und Steven mich von der Bar nach draußen getragen haben (ich frag mich immer noch wie Ihr das gemacht habt, aber die blauen Flecken an meinen Armen geben mir eine ungefähre Ahnung davon *lach*), mich ins, wohlgemerkt HERREN-Klo verfrachtet haben, mir Ohrfeigen verpasst und Wasser über den Kopf geschüttet haben. (Danke Jungs, ich hoffe Ihr hattet Spaß dabei *grrrr*.)

Ich war noch nie vorher ohnmächtig. Jetzt kenn ich das auch. Das Witzige an der Sache ist, ich hab gestern noch nicht mal Alkohol zu mir genommen. Vielleicht lag’s ja daran. Kein Alkohol ist halt doch auch keine Lösung! 😉 Oder aber die unglaubliche Schönheit all der niederbayrischen Kleinbauern und Junglandwirte hat mir die Sinne vernebelt. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur allergisch gegen Kuhstallgeruch.

Ich hätte Euch echt gern ein paar Fotos von dieser sagenhaften niederbayrischen Urwald-Location gezeigt (allein die Männer dort…. Selten so viele verschrobene Gestalten auf einmal gesehen!), aber das muss jetzt ausfallen. Kann mich da nicht mehr blicken lassen. Denn von jetzt an werd ich da drin immer „das Mädchen sein, das erst vom Stuhl gekippt und dann im Herrenklo gelegen ist“. Nein danke, auf diesen zweifelhaften Ruf verzichte ich dankend. Peinlich, peinlich. Viel schlimmer noch ist, dass ich meinen tollen Rock nicht mehr anziehen kann. Der Wiedererkennungswert ist einfach zu groß 😉

Aber, und jetzt wird’s mal wieder ein bisschen melancholisch *hihi*, diese Aktion gestern hat mal wieder bewiesen, wie geil es ist, gute Leute um sich zu haben. Denn während sich sämtliche Gesichtskrapfen der Region Straubing-Bogen über die scheinbar besoffene Alte (was die Alte aber gar nicht war) amüsiert haben, haben andere sofort geholfen. Darum ein riesengroßes Danke an Steven und Papa Spass (für das kalte Wasser räch ich mich aber bei Gelegenheit, das wisst Ihr schon, gä? Ihr habt mir meine Frisur ruiniert!!!), an Keksi fürs nach Hause bringen und unbekannterweise an die beiden Jungs, die für das ohnmächtige Pralinchen den Weg zum Notausgang gesichert haben. Jetzt hat die Praline tatsächlich Promi-Status. Einen zweifelhaften zwar, aber immerhin.

In diesem Sinne,

Straubing ist eine Reise wert. Da gibt’s noch DJs, die auf Wunsch Golden Earring spielen und Menschen, die fünfzehn Jahre, nachdem das „Rolling Stone“ einem Einkaufszentrum weichen musste, zu Rage against the Machine ausflippen. Und das in Dirndl und Lederhosen. Der Wahnsinn sag ich Euch. Abgesehen davon hat es noch keine Stadt geschafft, mir derart die Sinne zu rauben ;-). Und sollte ich jemals wieder ohnmächtig werden, dann bitte wieder in den Armen von Steven und Papa Spass.;-) Aber nicht mehr in Straubing, ok? 😉

Kultige Grüße aus den 70ern,

eure gekillte Praline

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11 Kommentare

  1. Für mich gibts jetzt erstmal Golden Earring auf die Ohren. Das war das Stichwort, hast ja auch diesmal nichts über Latexunterwäsche geschrieben, dann gibs auch keine geistigen Aussetzer. 😀 Und das mit dem sitzen auf Barhockern üben wir noch. 😉

  2. @christian:
    eigentlich kann ich das ganz gut. Sitzen auf Barhockern. Aber naja, zuviel Golden Earring vertrag ich wohl einfach nicht…

    liebe Grüße, lass‘ rocken!

  3. Jaja, das kommt davon, wenn „Ältere“ zwanghaft einen auf jugendlich machen müssen. Das macht eben der Kreislauf nicht mehr mit!! 😉
    Solltes wohl doch eher zu Seniorentreffen mit Kaffeekränzchen tendieren!! 🙂
    LG 🙂

  4. @ dammerl:
    boah! Du traust Dich hier ganz schön was! Älter? Wer isn hier älter? Seniorentreff? Kaffeekränzchen? Also Du bist heute ganz schön frech…. Ich stecke in der BLÜTE MEINER JUGEND Baby!

    pah….

  5. Die „Blüte Deiner Jungend“ hat wohl doch schon ein „paar“ welke stellen, sonst hätt´s Dich nicht vom Hocker gehauen!! 😉
    Oder haben Dir die strammen niederbayrischen Burschen so auf´s Herz geschlagen?!?! 🙂

  6. @dammerl:
    Na, weil so vui Gsichtskrapfen auf einmal hab i selten erlebt. Aber vielleicht ist des der Punkt, und mei Bewußtsein hat sich gsagt, verpasst eh nix, könn ma a genauso gut abschalten!

  7. Ich fühle mit dir, ist mir auch schon mal passiert und auf die dämmlichen Sprüche, die man sich anhören muss, wenn man wieder unter den Lebenden ist, kann man echt verzichten. Von wegen üben, auf Barhockern zu sitzen…. Aber wer den Schaden hat, brauch bekanntlich nicht für den Spott nicht zu sorgen. Lg

  8. Wir hatten nunmal einen scheiss Platz und wenn man in der nähe von den Toiletten sitzt ist es doch schon fast klar, wenn es einem vom Barhocker dreht. Es waren auch einfach zuviele besoffene Gäubodengeschädigte drin, die sich permanent an uns vorbeidrängten!! Blaue Flecken inklusive….
    Als wir das Geschehen verlassen haben, habe ich viele süsse Schneckerl gesehen! Pat und ich wollen da unbedingt wieder hin und die Mukke ist einfach genial! Der einheimische Gast neben mir hat nur gemeint, mensch Mädel, Du hast den falschen Zeitpunkt und den schlechtesten Platz gewählt den es gibt! Danke nochmal für die Info, wir haben es dann auch selbst gemerkt! Gut, dass zwei starke Männer da waren und die Praline sicher über den Notausgang vor die Türe gebracht haben! Das sind halt noch Männer 🙂

  9. @romy:
    Ja, der Laden an sich war schon irgendwie cool.

    Aber wenn ich da wieder mitfahre, dann nur in Begleitschutz von meinen beiden Privatbodyguards. Weil abgesehen von meinem kleinen „Unfall“ da drin, sind da ja auch die Fans zemlich lästig.

    Es war ja abzusehen dass irgendeiner mal die „Killerpraline“ erkennt, aber ganz ehrlich, ich hab mir so ein Aufeinandertreffen anders vorgestellt…..

  10. Can you repeat in english, any important thing for the „do legst di nieder“ festival, mentionned above?

  11. @lenin:

    to be quite honest, I can’t 😦 „Do legst Di nieder“ is a typical Bavarian phrase, quoted whenever one is amazed, astonished or simply fascinated by any situation 😉 The literal meaning is something like „you fall down, you stumble, you lie down“ which makes the joke for this story work as I indeed fainted that evening….

    😉


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