Mitleid mit dem Hendl-Mann

Manchmal hasse ich meinen Job. Jeder hasst manchmal seinen Job. Aber Leute, ich sag Euch, wir können uns alle so glücklich schätzen. Denn es gibt Menschen, hier mitten unter uns, die haben mal echte Scheiß-Jobs.

Und heute bin ich dem Mann begegnet, der den ultimativsten Scheißjob aller ultimativen Scheißjobs hat: Dem Hendl-Mann.

Der Hendl-Mann ist etwa 45 Jahre alt, klein, dick, hat dunkles, leicht lichtes Haar und heißt vermutlich Franz. Oder Karl. Vielleicht auch Sepp. Er steht mit seinem Hendl-Mobil immer auf dem Parkplatz gegenüber von ALDI und verkauft dort seine Hendl. Schöne, saftige, knusprig gegrillte Hendl.

Ich könnte mir vorstellen, dass der Hendl-Mann durchaus kein schlechtes Geschäft macht. Im Herbst oder Winter. Wenn die ganzen genervten Hausfrauen, halb erfroren weil sie eine ganze Stunde lang die ALDI-, Lidl-, Rossmann-Einkäufe und ihre drei quengelnden Kleinkinder in ihren Mini-Van geladen haben, plötzlich den Duft von frischen, heißen Grillhendln in die Nase bekommen, spontan beschließen dass sie heute doch keinen Zucchini-Auflauf mehr kochen wollen und dann wie in einer Art Rausch zum Hendl-Mann rüber laufen und sechs halbe Hähnchen ordern. (Findet Ihr das nicht auch komisch, dass Hähnchen immer nur „halb“ bestellt werden? Warum sagt man nicht „Ich hätt’ gern drei Hähnchen, aber schneiden’s es bitte auseinander!“ Nein, man bestellt „sechs halbe Hähnchen“. Und der Hendl-Mann ist so dreist und nimmt dann doch drei ganze Hähnchen und teilt sie einfach. Schon irgendwie verrückt.)

Also wie gesagt, ganz grundsätzlich ist so ein Hendl-Stand also nix verkehrtes. Nur ist heute der 1. August und es hat schwüle 31 Grad. Der Hendl-Mann steht in seinem Hendl-Mobil, schwitzt und grillt sich nen Wolf. Da drin drehen sich geschätzte 50 Hühner fröhlich im Kreis, während der arme Hendl-Mann verzweifelt versucht, durch den Zusatzverkauf von „eisgekühltem Cola-Wasser-Spreit“ (steht so auf seinem Schild!!!) ein paar Kunden anzulocken.

Der arme Mann schwitzt, der Schweiß läuft ihm in Sturzbächen über das fleischige rote Gesicht, seine Haare sind patschenass und sein hellblaues Hendl-Grill-T-Shirt ist unter den Achseln ins nachtblau übergegangen. Der bedauernswerte Kerl kann ja nix für die Hitze. Und er tut mir echt total leid, weil heute scheinbar niemand ein knuspriges, inzwischen wohl tiefschwarzes vertrocknetes Hendl bei ihm kaufen will. Und selbst wenn sich eine gestresste Hausfrau zu ihm an den Stand verirren würde, seine trostlose schwitzende Hässlichkeit würde ihr wohl dann auch zwangsläufig nur ein verschämtes „Ach, ich wollt nur schauen!“ entlocken.

Als ob der Alltag eines Hendl-Manns nicht schon traurig genug wäre. Tag für Tag macht er nichts als hunderte hässlich nackte Hühner auf einen Grillspieß zu stecken, das Bratfett abzuschöpfen, die Hühner in halbe Hühner zu teilen und diese in Alufolie zu wickeln. Ist so ein Mann stolz, wenn er abends zu seiner Frau nach Hause kommt? Kommt er heim und sagt hoch erhobenen Hauptes: „Schatz, stell Dir vor, was heute passiert ist! Mir ist heute ein Huhn vom Grillspieß gerutscht! Wahnsinn, oder? Sachen gibt’s!“ Und ist diese Frau stolz auf ihren Mann? Prahlt sie am Wochenende bei ihren Mädels vom Kegelclub: „Mensch, da Franz ist so toll, hat er nicht gestern tatsächlich 44 halbe Hähnchen verkauft! Und 8 Flaschen Spreit!“ Und kann so ein Hendlgrillbesitzer noch lachen, wenn jemand in seiner Gegenwart Hühnerwitze macht? Stellt sich der Hendlbrater auch noch manchmal die Frage nach der Henne und dem Ei? Sagt er noch ab und zu dass er mit jemandem „ein Hühnchen zu rupfen“ hat? Und, die Frage aller Fragen: isst er noch gerne Hähnchen? Oder geht er zum Metzger um die Ecke und bestellt sich zwei halbe Semmeln mit zwei halben Scheiben Leberkäs? Meint Ihr es gibt Selbsthilfegruppen für depressive Hendlbudenbesitzer? „Hallo, ich bin der Franz und ich bin auch Hendlgriller!“ – Und alle im Chor: „Hallo Fraaaanz!“

Ich hatte heute wirklich Mitleid mit dem Hendl-Mann. Ich war beinahe soweit dass ich ihm zumindest ein „eisgekühltes Spreit“ abgekauft hätte. Aber ganz ehrlich, sein Anblick war kein schöner. Und hässlichen Menschen kauf ich ungern was ab das ich mir nachher einverleibe. Also hab ich’s gelassen.

Und heute Abend, wenn ich schlafen gehe, werd ich mal wieder beten. Und dem lieben Gott danken, dass ich so einen tollen Job habe.

In diesem Sinne,

knusprige Grüße

Eure Chicken Mc Praline

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