Betriebsurlaub

Ach ja meine Lieben, da bin ich wieder. Lang genug hat’s gedauert, gä? Aber entschuldigenderweise kann ich Euch sagen, mit über 30 wieder zur Schule zu gehen, das ist echt ends-stressig. Vor allem dann, wenn man diese inzwischen dritte (und vermutlich letzte…?) Ausbildung endlich ernst nimmt und auch nebenbei bisserl was dafür tut ( ach ja, lieber Omar: ich hab ne Ei-eins! Ätschbätsch und Du ni-icht! *frotzel*)

Nichts desto Trotz, jetzt hat die Streberpraline endlich Ferien. Naja, „Ferien“ ist etwas übertrieben, denn der klassische Schüler hat ja bekannterweise 6  Wochen Sommerferien.  Ich hab nur zwei. An sich nicht so schlimm, würde mich mein bester Kumpel, seines Zeichens Mathelehrer mit mehr als 12 (in Worten: ZWÖ-ÖLF!!!) Wochen Ferien im Jahr nicht ständig daran erinnern: „Ach so, ja stimmt, Du hast ja nur die zwei Wochen, Mensch, das is echt schade….!“ Danke Flo, Freunde wie Du sind Gold wert. Ich hab Dich auch lieb.

Jedenfalls hatte ich mir für meine zwei freien Wochen jede Menge vorgenommen. Der grobe Plan sah vor, dass ich mich in der ersten Woche um meine in letzter Zeit äußerst stiefmütterlich behandelte Wohnung kümmere, und die zweite Woche dann DSC_2627relaxenderweise mit vielen schönen, entspannenden Dingen verbringe.

Wie Ihr Euch denken könnt, hab ich schon in Woche 1 total versagt. Mir fällt nämlich tatsächlich nix Blöderes ein, als genau zu Beginn meiner sehnlichst erwarteten Ferien erstmal eine saubere Mandelentzündung zu kriegen. Nun lag ich also erstmal drei Tage mit Fieber und Halsschmerzen im Bett und hab mir das schöne Wetter von drinnen aus angeschaut. Auch schön, und manch einer könnt‘ ja jetzt sagen, naja, immerhin, im Bett rumliegen ist ja irgendwie auch Urlaub. Ja, schon, aber leider nicht, wenn genau jetzt diesem Volltrottel von Gegenüber-Nachbar einfällt, endlich sein Haus weiter zu sanieren und er nun, nachdem die Baustelle ein gutes halbes Jahr stillstand, anfängt, mit Presslufthämmern und andrem Gerät die alten Garagen wegzureißen. Suuuuper Geräuschkulisse, vor allem wenn man krank ist. Ich meine, rein lärmtechnisch liegt meine Wohnung ja eh beschissen. Direkt an der Bundesstraße, wo ab vier Uhr morgens die LKW vorbeidonnern, und direkt hinter einer Eisenbahnbrücke, die (bevorzugt nachts) schwere Güterzüge von A nach B bringt. Echt geil, ich schwör.Nun, als angehende Speditionskauffrau kann ich aber ja schlecht über meine künftigen Brötchengeber schimpfen, also zähle ich mittlerweile in schlaflosen Nächten keine Schäfchen mehr, sondern Lastwagen und Züge, und, kein Scheiß, irgendwann geh ich dann zu „Wetten, daß?“ und erkenne neun von zehn Fahrzeugen allein am Geräusch, vorausgesetzt, good old Tommy stellt mir mein Schlafzimmer ins Studio und kann so die allnächtliche Geräuschsituation simulieren.

Ich schweife mal wieder ab, aber das kennt Ihr ja. Auf jeden Fall nervt der Beton hämmernde Nachbar und mein Zeitplan ist aufgrund meiner Mandelentzündung auch im A… äh, Eimer. Ich hab zwar angefangen, bißchen meine Bude sauber zu machen, aber Ihr kennt das ja sicher, wenn man krank ist, ist man auf einmal unheimlich schwach und kann sich kaum auf den Beinen halten und so…. stimmts?

Was man auch krank gut kann, ist den Resturlaub planen. Zum einen wollte ich mein Auto (jaa, die kleine schwarze Nervensäge existiert immer noch!) in die Werkstatt bringen. Seit Monaten geht das ABS nicht mehr, seit Wochen klappert irgendwas ganz furchterregend vom Bodenblech weg, und letzten Samstag hat sich dann mit einem lauten „kazonnnk“ mein linkes Fenster verabschiedet. Aller guten Dinge sind drei, da lohnt es sich doch, mal wieder den KFZ-Meister meines Vertrauens aufzusuchen.

Dann wollte ich noch ein bißchen wellnessen und endlich mal die mysteriöse, aber mir letztes Wochenende wärmstens empfohlene „Salzgrotte“ testen. Und zu Guter Letzt hab ich ja immer noch einen kleinen aber feinen Gutschein von einem Landshuter Wellnesstempel, wo ich nebenP1010004 Whirpool und Hawaii-Massage auch noch den Whirpool und eine Hawaii-Massage nutzen kann. Klingt doch super für Urlaub daheim, oder?

Auf jeden Fall häng ich mich also ans Telefon, Termine, Termine, Termine, ich brauche mehr Details! Anruf Nr. 1 bei der Werkstatt: „Wir sind leider von bis im Betriebsurlaub.“ Na prima. Dann halt eben nicht. Klappert die blöde Kiste halt weiter, und solang es nicht regnet, ist das mit der Scheibe auch nicht so tragisch. Anruf Nr. 2 in der Salzgrotte: „Wir haben Urlaub und können leider von bis nicht für Sie da sein!“ Ja wie jetz? Ich hab auch URLAUB! Genau aus dem Grund wollt‘ ich ja bei Euch rein schauen, halloooo? Anruf Nr. 3 im Wellnesstempel: „Äh, nein, nächste Woche können Sie leider nicht kommen, da haben wir zu.“ Sagt mal Leute, Ihr verarscht mich doch alle, oder? Morgen steh ich wahrscheinlich vorm LIDL und finde ein Schild mit der Aufschrift:“Liebe Kunden, wir haben Sommerulaub. Bis einschließlich September können Sie hier leider nicht mehr einkaufen!“ Wundern würd’s mich nicht…

Tja, somit ist nun also meine erste Urlaubswoche fast rum, und außer, dass ich mal wieder das Klo geputzt hab, ist nicht viel passiert. Immerhin, ich fühle mich inzwischen schon wieder etwas gesünder als noch Anfang der Woche. Insofern bestehen ja noch gute Chancen, wenigstens nächste Woche ein bißchen was vom Sommer mitzunehmen, sofern der nicht auch in Urlaub geht. Wer braucht schon Wellnesstempel, im Grunde hab ich den gleichen oder sogar noch einen besseren Entspannungseffekt, wenn ich mir einfach mal wieder ein paar Schuhe kaufe. Oder Bücher. Oder Parfum. Oder alles zusammen. Das nicht vorhandene Urlaubsgeld muss ja schließlich irgendwohin.

In diesem Sinne,

schöne Ferien!

Eure Urlaubspraline

PS an Omar: Ich hab ne Ei-eins! Ich hab ne Ei-eins, ich hab ne…..!

Advertisements

Chillen in Bad Birnbach

Der traditionsreiche bayrische Kurort steckt in der Klemme. Denn während Tante Gerda und Oma Lotti weiterhin „auf Kur“ fahren wollen, giert es die Generation Spaß nach hippen, trendigen Wellnessoasen. Die Senioren reisen nach Bayern um sich in gediegener Atmosphäre zu erholen, die jungen Wilden wollen einfach nur relaxed abhängen und cool chillen und das nach Möglichkeit High Standard. Da kommt so eine hübsche zwanzigjährige Empfangsdame schon mal ins Schwitzen wenn sie einem jungen Paar die Vorteile des Bad Birnbacher VIP-Badebusses erklären muss, dabei verlegen an ihrem „Herzlich-Willkommen-in-Bayern-Dirndl“ zupft und von der ersten Sekunde an weiß, dass dem jungen Paar der Badebus mal in etwa so egal ist wie die Rübenernte in Tadschikistan. Doch egal, sie trotzt aller peinlicher Berührung und führt die Neuankömmlinge selbstbewusst durch die traditionsreiche, aber wunderschöne Hotelanlage. In der Poollandschaft angekommen, kehrt ihr Hotelfachfrauenstolz wieder vollends zurück, denn sie spürt, das eben noch müde lächelnde junge Paar ist hellauf begeistert von dem was es hier sieht. Und sie irrt nicht. War die Empfangshalle eben noch der raumgewordene Inbegriff bayrischer Seniorenträume, so ist die Badelandschaft nun das Mekka der entspannungsgeilen feng-shui-verwöhnten Youngsters und mit jedem neuen Raum, den die Dirndlfee präsentiert, steigt die Erwartung des jungen Paares an das bevorstehende „Luxus-Verwöhn-Wochenende“. Und es wird nicht enttäuscht. Schon beim Beziehen des Zimmers, das nächste Highlight. Galeriewohnung, zwei Ebenen, ein kühl anmutendes Schlafzimmer, in welchem man sich perfekt von der bewusstseinserweiternden Wirkung des psychodelischen Blumenteppichs in der unteren Etage erholen kann. Ist ja auch mal ein super Service. Die Rentner fühlen sich bei soviel floralem Muster wie daheim und die Jungen sparen sich so die Drogen. Einfach toll!

Jetzt erstmal raus auf den Balkon und Panorama genießen, man ist ja nicht zum Spaß hier! So ein Panoramablick aufs bayrische Niemandsland hat schon was, das lässt sich nicht abstreiten. Man sitzt da, genießt die beruhigende Stille, lässt die Augen den Horizont entlang wandern und fühlt sich sofort erholter. So lange bis man in den vorüberziehenden Schäfchenwolken unfreiwillig wieder die LSD-Blumen aus dem Teppich erkennt und deshalb beschließt gleich mal den Saunabereich zu checken. Die beiden Urlauber werfen sich also die kuscheligsten Hotelbademantel der Welt über (die man im Übrigen dann gerne gegen die geringe Gebühr von 69 € erwerben könnte…ähem…) und machen sich auf den Weg in den Wellnessbereich. Farblicht-Biosauna, Aroma-Dampfbad, finnische Außensauna, Solegrotte, Ruheoase mit Meditationsmusik via Headphone, das ganze Programm, so wie es die Generation Anspruchsvoll sich erträumt. Gut, Gerda und Lotti sind auch da und präsentieren freizügig ihre Orangenhaut mit ganzen Früchten, aber da darf man nicht so sein, immerhin sind wir nach wie vor eben in einem klassisch bayrischen Kurbad und da gehört Orangenhaut zur Tagesordnung. Apropos Orangen: Abendessen gibt es, den Senioren hier sei Dank, bereits ab 18 Uhr, also auf ins Restaurant und das erste von zwei Gourmetmenüs verkosten. Ein Ober mit unverkennbarem Bayerwaldakzent begleitet unser Luxus-Verwöhn-Pärchen an seinen Tisch, erklärt kurz das Menü und dabei fällt zum ersten Mal auf, wie übertrieben höflich und somit albern die ständige namentliche Anrede sein kann. „Bitte Herr Gast, danke Herr Gast, so ist das Herr Gast, aber danke Herr Gast, sehr gerne Herr Gast“. Hat wohl auch mit den ganzen Senioren zu tun, die vergessen immer alles ziemlich schnell und da schadet es sicher nicht, den eigenen Nachnamen immer wieder mal gesagt zu kriegen, schließlich muss man mit selbigem ja nachher die Rechnung abzeichnen. Überhaupt muss Hotelpersonal in so einem Kurort auch gut auf Altenpflege geschult sein, denn bei näherer Betrachtung serviert so ein Kellner oder eine Kellnerin nicht nur die Speisen, nein, ein kleines Pläuschchen mit Omma und Oppa muss schon ab und an drin sein. Geduld ist eine Tugend, die Hotelfach-Azubis und Azubinen in Niederbayern wahrlich perfektionieren, gut, bleibt ihnen auch nichts anderes übrig, wenn Oma Meier sich nach anderthalb Stunden immer noch nicht entscheiden kann ob sie ihre Limo jetzt lieber 0,2 l oder 0,3 l bestellen will. Unserem Urlauberpärchen fallen solche Entscheidungen weniger schwer, schließlich hat es ja das Rumdum-Sorglos-Paket gebucht und bereits auf dem Zimmer die erste Flasche Champagner gekippt. Champagner ist ja irgendwie eine ganz seltsame Angelegenheit. Er schmeckt niemanden und doch fühlt sich jeder gleich um Klassen eleganter wenn er welchen bekommt. Wobei die Eleganz dann auch dahin war, als unser Pärchen den edlen Schampuskühler zum Sammeltopf für eine Plastikflasche Punica, die Monsterbottle Martini und eine Dose Red Bull zweckentfremdet hat. Aber egal, wer braucht schon Eleganz wenn er nur zum chillen hier ist. Außerdem ist so eine eigens geschaffene Bar durchaus sinnvoll, man kann dadurch nämlich den Oldies trällernden Alleinunterhaltern in der Hotelbar entgehen. Stimmlich wirklich wundervoll stehen die zwei in besagter Bar und trällern einsam vor sich hin. Kein Publikum, offenbar ist der letzte Badebus noch nicht zurück oder aber Oma Meier weiß um 21 Uhr immer noch nicht wie sie ihre Limo jetzt gern hätte. Es muss traurig sein für so einen Musiker, Abend für Abend vor leerem Saal zu stehen und wenn dann doch jemand kommt, muss er immer „Strangers in the Night“ singen, weil nur bei diesem Song die Lotti sich traut ihrem Kurschatten ein zärtliches „Ich liebe Dich“ ins Ohr zu hauchen.

Unserem jungen Paar ist das egal, es macht es sich wie gesagt an der Punica-Red Bull-Bar gemütlich und erfreut sich am psychodelischen Zimmerteppich. Immerhin, morgen geht’s los, es stehen sagenhafte Verwöhntermine an. Super an so einer Seniorenresidenz ist, dass das Personal es gewohnt ist, vergessliche Gäste telefonisch an deren Termine zu erinnern. Denn auch unser junges Paar hat erstmal wieder alles verpennt was so an Relax-Action geboten war. Nichtsdestotrotz bleiben die Badefeen, Massagegöttinnen und Kosmetikfachfrauen stets freundlich und lassen trotz der terminlichen Nachlässigkeiten ihrer Gäste selbigen an nichts mangeln. Nicht an Verwöhnungen, und nicht an namentlicher Ansprache. „So Frau Gast, bitte hier lang Frau Gast, ist es so angenehm Frau Gast, aber gerne Frau Gast, …“ Herr und Frau Gast entschweben regelrecht unter karibischen Düften, straffenden Masken, entspannenden Massagen und kühlen Cocktails. Da ist es egal, wie alt oder jung man ist, körperliche Zuwendung hat in jedem Alter Hochsaison. Dermaßen erholt nimmt man dann auch ein weiteres lauwarmes Abendessen in Kauf, wobei man dem ganzen Luxus langsam schon überdrüssig werden könnte. „Och nee, schon wieder Champagner, hach, wie langweilig!“ Immerhin, das elegante Gefühl kehrt zurück und wird nur noch dadurch übertroffen, dass die Rechnung ganz standesgemäß immer dem Herrn am Tisch vorgelegt wird. Diesbezüglich hat in den bayrischen Kurorten also alles noch seine Ordnung 😉

Leider ist so ein Luxus-Verwöhn-Wochenende auch nicht länger als ein herkömmliches, egal wie sehr man sich an ganze Tage im Flauschibademantel gewöhnt hat. Man räumt das wunderschöne Galeriezimmer, wirft einen letzten wehmütigen Blick auf den „Keine-Macht-den-Drogen“-Teppich und steigt zum letzten Mal in den Fahrstuhl Richtung Pool, wo man dann von einem geschätzt hundertfünf Jahre alten Mann begrüßt wird, der sein hundertfünf Jahre altes Pimmelchen noch eben wieder in die Hose packt, nachdem er es sich mit selbigem vor einer Massagedüse im Bad gemütlich gemacht hatte und dabei vermutlich an gestern gedacht hat, als er die orangenhäutige Lotti zu „Strangers in the Night“ übers Parkett geschoben hatte. Tja, Opi, die jungen Wilden sind zurück, aber keine Angst, in ein paar Stunden müssen sie abreisen.

Ein letzter Cappuccino auf der Sonnenterrasse, ein letztes Mal Schwitzen im Aromadampfbad, ein letzter kalter Guß in der Felsengrotte, ein letztes Mal fummeln im Whirlpool und dann geht’s los. Wehmütig gibt unser Luxus-Verwöhn-Paar die flauschigen Bademäntel zurück und mit einem Tränchen im Auge begleicht es die Rechnung. Die Dirndlfee vom Anreisetag ist auch wieder da, allerdings diesmal in zuckersüßer Zimmermädchenuniform, so dass man sie am liebsten in einen der flauschigen Bademäntel packen möchte und mit nach Hause nehmen. Man bemängelt noch die Matratzen, weil schließlich reist man nirgends ab ohne eine kleine Beschwerde da zu lassen, und man wird sofort darauf hingewiesen dass die Zimmer demnächst alle renoviert werden. Schade, dann kommen wohl auch die bunten Blumenteppiche weg. Das ist nun ein Grund, warum das junge Paar hier wohl nicht mehr einkehren wird, VIP-Badebus hin oder her.

Fazit: Z’Bod Birnbach is schee. Senioren machen deutlich weniger Lärm als Kinder. Wasser ist nass und das ist auch gut so. Massagen können nie lang genug dauern. Und Champagner schmeckt scheiße.

In diesem Sinne, tut Euch was Gutes und gönnt Euch ‚ne Auszeit. Und verpasst ja den Badebus nicht!

Erholte Grüße

Eure Wellnesspraline